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Gründung im Abrißhaus
Verfehlen kann man sie eigentlich nicht. Wer aus Steglitz kommend oder aus Zehlendorf die Königin-Luise-Straße entlangfährt, auch Studenten und Museumsbesucher, die in Dahlem-Dorf aus der U-Bahn steigen - auf beiden Seiten der Königin-Luise-Straße , gleich neben dem U-Bahnhof, findet man Schleichers Buchhandlung. „Die einzige geteilte Buchhandlung im vereinten Berlin" - so kalauerte Günther Bellmann in der Berliner Morgenpost . Begonnen hat die Buchhandlung - ungeteilt - nur auf der linken Seite der Königin-Luise-Straße, von Steglitz aus betrachtet, im Gebäude des Gartenlokals „Luise" .Damals trug es noch den Namen seines Gründers , „Cafe` und Restaurant Schilling". Ältere Steglitzer haben wehmütige Erinnerungen an fröhliche Sonntagsausflüge mit der Straßenbahn nach Dahlem-Dorf und rauschende Ballnächte im großen Saal des Restaurants.Das war vor 1945. Als JÜRGENS BUCHLADEN , so hieß die Buchhandlung bei ihrer Gründung, am 6.Juni 1968 erstmals seine Tür öffnete, rechts neben dem Eingang zum Restaurant über 5 Stufen erreichbar, war die Pracht des kurz nach der Jahrhundertwende errichteten Gastronomie- Betriebes nur noch erahnbar. Zwar standen die Kastanien im großen Gastgarten jetzt majestätisch und spendeten den Gästen wohltuende Kühle im Sommer. FU-Professor Ossip K. Flechtheim und seine Frau ließen sich im Garten ihr Sonntagsmahl vom Kellner Toni servieren, einem Vorbild an gastronomischer Service-Perfektion und überhaupt die „Seele des Hauses".
Königin- Luise- Straße im Winter 1976/ 77 Vom großen Saal aber, Garant für wirtschaftlichen Erfolg des Ganzen auch im Winter und in verregneten Sommern, standen nur noch die Außenmauern. Eine Brandbombe des Krieges hatte ihn zerstört. Wo ausgelassene Steglitzer bis zum Krieg tanzten, wuchsen jetzt schon aus Samen geborenen Bäume in den Himmel. Die Reste des Saales wurden in den frühen Siebzigern abgetragen. Aus Gründen der Sicherheit,aber auch im Hinblick auf die Zukunftsplanung. Hier sollte das FORUM ACADEMICUM der Freien Universität entstehen, der größte Hörsaal und wohl auch die zentrale Universitätsverwaltung. „Palazzo Prozzi" der Universität. Das Land Berlin kaufte das gesamte Gelände der Schillings ,auch die Grundstücke rechts und links daneben, die anschließenden Häuser, also die ganze Straßenzeile vom U-Bahnhof bis zur Arnimallee , um sie abzureißen zu lassen. Auch die Villen im Hechtgraben durften nur noch an das Land verkauft werden.
Neue Fachbuchfiliale in der Königin- Luise- Straße 44 „Zum Abriß freigegeben" - das war die Perspektive der Buchhandlung bei Firmengründung 1968.... Spätestens in 5 Jahren. 5 Jahre sind eine lange Zeit, wenn man 25 Jahre alt ist. Wird sich der Laden 5 Jahre halten können ? Wird er überhaupt laufen ? Hier gab es bisher keine Buchhandlung. „Das ist ja der Pleite-Laden von Dahlem !" So begrüßte Jürgen Montag, Dahlems Postpakete- Zusteller, den frischgebackenen Ladeninhaber. Der war jetzt aber froh, daß der Mietvertrag im Notfall nach 17 Monaten gelöst werden konnte. An Ende des ersten Tages wurde Kasse gemacht : 53,90 Mark Umsatz. Für 3 Mensa-Essen reichte das schon. November 2005 |